Stellungnahme der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal und ihrer Diakonie

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Aufarbeitung 2018

Rückblick: Stellung­nahme zur Ab­schluss­phase des Auf­arbeitungs­prozesses, zum Umgang mit dem Auf­klärungs­bericht und zu Aus­blick und Zielen

Am 7. Juni 2018 wurde der Auf­klärungs­bericht „Uns wurde die Würde genommen“ über Missbrauchsfälle in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal und Wilhelmsdorf in den 1950er bis 1980er Jahren auf einer Pressekonferenz in Stuttgart öffentlich vor-gestellt. Die Verantwortlichen der Brüdergemeinde und ihrer Diakonie haben sich eingehend mit dem mehr als 400 Seiten umfassenden Dokument auseinandergesetzt. Drei Monate nach der Veröffentlichung nehmen der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde Klaus Andersen, der geistliche Vorsteher der Brüdergemeinde Pfarrer Jochen Hägele und der Geschäftsführer der Diakonie der Brüdergemeinde Veit-Michael Glatzle zur Abschlussphase des Aufarbeitungsprozesses, zum Umgang mit dem Aufklärungsbericht und zum Ausblick auf weitere Schritte Stellung.

Aufarbeitungsprozess und Beteiligte
Hauptmerkmal des Aufarbeitungsprozesses war von Anfang an die partizipativ angelegte Arbeitsweise der Moderatoren Prof. Dr. Elisabeth Rohr und Gerd Bauz und eine unabhängige Aufklärung ab 2017 durch Dr. Brigitte Baums-Stammberger und Prof. Dr. Benno Hafeneger. Ein weiteres wesentliches Element, das zum Gelingen des Prozesses beigetragen hat, war die Auftraggebergruppe, bestehend aus mehrheitlich Betroffenen, weiteren ehemaligen Heimkindern, Opfervertretern und Verantwortlichen der aufarbeitenden Institution Evangelische Brüdergemeinde und ihrer Diakonie. Dem Engagement jeder und jedes Einzelnen gebührt unser ausdrücklicher Dank für die konstruktive Mitarbeit in jeder Arbeitsphase der letzten Jahre.

Der Aufarbeitungsprozess wurde von einzelnen Dialog- und Anspruchsgruppen unterschiedlich bewertet. Neben kritischen Stimmen, die vereinzelt laut wurden, gab es auch zahlreiche positive Rückmeldungen. Diese haben in den Medien bisher allerdings nur wenig Resonanz gefunden und sind in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden. Auszugsweise geben wir einige Äußerungen von Betroffenen zu den Interviews mit den Aufklärern wieder. Der vollständige Wortlaut dieser persönlichen Erfahrungen ist auf der Homepage www.aufklaerung-korntal.de zu finden.

• Eine Betroffene: Zuallererst möchte ich mich für Ihren (Dr. Brigitte Baums-Stammberger, die Red.) persönlichen Einsatz … und den Ihrer Mitstreiter ganz herzlich bedanken. (…) Ich habe hohe Achtung und tiefen Respekt vor Ihnen und dem Aufklärerteam. (…)

• Die Therapeutin einer Betroffenen: Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen (Dr. Brigitte Baums-Stammberger, die Red.) für Ihr empathisches Gespräch mit meiner Klientin zu danken. Durch das selbstverantwortliche Handeln konnte Frau x einen großen Schritt in Richtung „raus aus der Opferrolle“ machen. Dadurch haben wir trotz starker seelischer Belastung von Frau x einen weiteren Fortschritt erreicht.

• Ein Betroffener: Für mich war das Gespräch … ein ganz großer Fortschritt: Dass ich erstmals mit jemandem außer meiner Psychotherapeutin … über die Korntaler Vorfälle gesprochen habe und dies tatsächlich geschafft habe. (…) Ich bin sehr zuversichtlich, dass … auch Ihre Arbeit von nun an ihren Anteil an einer Genesung haben wird; dafür gebührt Ihnen schon jetzt mein besonderer Dank. (…) Ich hoffe, dass Sie dieses große Projekt trotz mancher Widerstände und heftiger Kritik (die mir nach unserem Treffen noch schwerer verständlich ist als sie es ohnehin schon war) zu einem objektiven und … wirkungsvollen Abschluss bringen.
Aufklärungsbericht und Reaktionen

Der Aufklärungsbericht stellt den offiziellen Abschluss des Aufklärungsprozesses dar. Mit der Publikation wurde öffentlich dokumentiert, dass in den Einrichtungen der Evangelischen Brüdergemeinde unfassbares Leid geschehen ist. Der Bericht gibt die Aussagen von Betroffenen wieder, die ein Interview mit Frau Dr. Baums-Stammberger geführt haben. Er stellt aus unserer Sicht das umfassende Ergebnis eines partizipativen und intensiven Aufklärungsprozesses dar, der unter kompetenter und unabhängiger Leitung durchgeführt wurde.

Das große Ausmaß an Gewalt in seinen unterschiedlichen Formen hätten wir so nicht erwartet. Darüber sowie über die hohe Anzahl an Täterinnen und Tätern, die durch den Aufklärungsbericht aufgedeckt wurden, sind wir tief erschüttert.

Der Vorwurf des Arbeitszwangs ehemaliger Heimkinder, den der SWR vor einigen Wochen nochmals thematisiert hat, wurde bereits im Aufklärungsbericht beschrieben. Dass Arbeit in der damaligen Zeit erzieherisch häufig mit Zwang und Strafe verbunden war, bedauern wir und sind erschrocken über das Ausmaß, das durch die Aufklärung zu Tage getreten ist.

Mit vereinzelt geäußerter Kritik am Aufarbeitungsprozess und am Aufklärungsbericht haben sich die Aufklärer ausführlich auseinandergesetzt. Eine Stellungnahme dazu ist auf der Homepage www.aufklaerung-korntal.de/aktuelles veröffentlicht.

In der Berichterstattung zur Veröffentlichung des Aufklärungsberichts wurde die Evangelische Brüdergemeinde häufig mit einem negativen Unterton als „streng gläubige, pietistische Gemeinde“ charakterisiert, die geprägt sei von einem „strafenden Gottesbild“. In unserer heutigen Lebens- und Glaubenswirklichkeit verstehen wir uns als Gemeinschaft von Christen, die ihren Glauben offen und einladend durch Wort und Tat lebt. Dies tun wir in einer Haltung, die sich an den Maßstäben der Bibel orientiert und zugleich weltoffen und lebensnah ist. Dabei leitet uns das biblische Menschenbild, nach dem jeder Mensch ein unverwechselbares, wertvolles und von Gott geliebtes Geschöpf ist. Grundlegend für unseren Glauben und unser Handeln ist die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen.

Über das, was damals geschehen ist, unterstreichen wir unser tiefes Bedauern und bitten die Betroffenen aufrichtig um Vergebung für alle Verletzungen. Wir sind dankbar dafür, dass sich so viele Betroffene mutig ihren Erinnerungen gestellt haben. Den Aufklärungsbericht mit seinen Ergebnissen nehmen wir an und stellen uns zu unserer Geschichte mit ihrer Schuld. Die Ergebnisse sind für uns Auftrag und Verpflichtung, das Geschehene nie mehr zu vergessen.

Ausblick und Ziele

Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir aus der Aufarbeitung bereits verschiedene Konsequenzen gezogen und konkrete Schritte eingeleitet:

• Das bestehende Präventions- und Schutzkonzept wurde mit Hilfe externer Expertise grundlegend überarbeitet und erweitert. Neu ist, dass es nicht nur wie bisher die Jugendhilfe, sondern auch alle anderen Arbeitsfelder von Diakonie und Brüdergemeinde einbezieht. Das Konzept inklusive Risikoanalyse und Selbstverpflichtungserklärung für haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende steht vor der Implementierung.

• Um die Erinnerung an die damaligen Geschehnisse wachzuhalten, suchen wir einen angemessenen Weg gegen das Vergessen und für ein aufmerksames Miteinander. Bei der Erarbeitung passender Ausdrucksformen für eine würdige „Erinnerungskultur“ soll es Möglichkeiten zur Beteiligung geben.

• Mehrere ehemalige Heimkinder berichten, dass die Zeit in unseren Heimen für sie nicht nur Verletzung und Leid bedeutete, sondern Grundlage war für ein gelingendes Leben, für die sie bis heute dankbar sind. Viele ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben unter schwierigen Rahmenbedingungen vollen Einsatz geleistet und damit auch viele positive Erfahrungen ermöglicht. Wir prüfen, wie auch diese Erfahrungen nicht in Vergessenheit geraten.

• In der Brüdergemeinde haben wir als Leitungsverantwortliche und als Gemeindeglieder gemeinsam gelernt, mit Vorwürfen zu sexuellem, körperlichem und psychischem Missbrauch sprachfähiger und differenzierter umzugehen. Hintergründe und Zusammenhänge können nun - nicht zuletzt durch interne und öffentliche Veranstaltungen in den vergangenen Monaten - besser verstanden werden. Viele mit dem Geschehenen verbundene Fragen wurden und werden gemeindeintern, innerhalb unserer diakonischen Einrichtungen und in der Öffentlichkeit weiter diskutiert und bearbeitet.

• Uns ist wichtig, dass betroffene ehemalige Heimkinder, die sich bisher noch nicht gemeldet haben, auch nach Veröffentlichung des Aufklärungsberichts bis zum 30. Juni 2020 ein Gespräch mit Frau Dr. Baums-Stammberger führen können. (Kontakt: aufklaerung.korntal@gmx.de, Mobil: 0174.7121108).

• Betroffene, die bereits ein Interview mit Frau Dr. Baums-Stammberger geführt haben, haben bei Bedarf die Möglichkeit, ein zweites Gespräch zu führen. Eine nochmalige Antragstellung auf Zahlung weiterer Anerkennungsleistungen ist jedoch nicht möglich.

• Ob nach dem 30. Juni 2020 eine Ergänzung zum Aufklärungsbericht erwogen wird, entscheiden die Aufklärer anhand der dann vorliegenden Informationen.

• Am 30. September 2018 findet im Raum Stuttgart ein weiteres Treffen ehemaliger Heimkinder statt. Hier besteht für sie noch einmal die Möglichkeit für persönliche Rückfragen zum Aufklärungsbericht. Auch die Gestaltung von „Erinnerungskultur“ wird ein Thema sein. Das Treffen ist nicht publikums- und presseöffentlich.

• Neben dem Ergebnis der Aufklärung, die mit der Veröffentlichung des Aufklärungsberichts ihren dokumentierten Abschluss gefunden hat, erachten wir eine Evaluation und fachliche Erörterung dieses Prozesses für hilfreich und prüfen zurzeit die Umsetzung eines solchen Projektes.

• Für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen halten wir einen gesellschaftlich und fachlich breiten Diskurs für notwendig. Durch den Austausch mit verschiedenen Dialoggruppen und mit anderen betroffenen Organisationen wollen wir als aufarbeitende Institution dazu beitragen, dass Standards für Aufarbeitungsprozesse entwickelt werden. Ziel sollte sein, die Kooperation von Aufklärern, Betroffenen und aufarbeitenden Institutionen zu stärken, gemeinsame Erfahrungen für andere nutzbar zu machen und sie konstruktiv in die Diskussion einzubringen.

Abschließend können wir sagen, dass wir durch die intensive Auseinandersetzung mit den im Aufklärungsbericht vorgelegten Ergebnissen als Gemeinde und als Diakonie aufmerksamer und sensibler für Missbrauch in all seinen unterschiedlichen Formen geworden sind. Der Aufarbeitungsprozess hat uns aufgerüttelt und verändert. Wir wollen alles dafür tun, dass Ähnliches nicht noch einmal unter uns geschieht. Wir nehmen unsere Verantwortung wahr, aus dem Geschehenen zu lernen und mit aller Kraft dafür zu sorgen, dass unsere Einrichtungen sichere Orte sind und bleiben und Menschen bei uns Hilfe und Hoffnung zu einem gelingenden Leben finden.

Korntal, 11. September 2018

Klaus Andersen, Weltlicher Vorsteher
Jochen Hägele, Geistlicher Vorsteher
Veit-Michael Glatzle, Geschäftsführer Diakonie

Medienkontakt: Gerd Sander (Pressesprecher)
M: 0163.7442222
g.sander@diakonie-bgk.de
presse@diakonie-bgk.de

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