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Von: Manuel Liesenfeld
02.10.2009 11:31

„Es lohnt sich, für die Freiheit zu kämpfen!“

Ex-Stasi-Häftling erzählt Korntaler Schülern von seinen Erlebnissen


Matthias Storck fesselte seine Zuhörer mit seinen Erlebnisberichten. Hier im Gymnasium Korntal.

K o r n t a l / 02. Oktober 2009 – Geschichte zum Anfassen in Gymnasium und Realschule Korntal: Der ehemalige Stasi-Häftling Matthias Storck, heute Pfarrer in Herford bei Bielefeld, berichtete auf Einladung der Ev. Brüdergemeinde vor rund 300 Schülern von seinen Erlebnissen im Stasi-Knast. Die Jugendlichen der zehnten und elften Klassenstufen erlebten einen Mann, der ohne Verbitterung aber ungeschönt über das DDR-Unrechtssystem sprach. Ein Plädoyer für die Verantwortung der Jugend, die Liebe zur Freiheit und für Zivilcourage, diese zu verteidigen.

 

Das Foto, das der Beamer an die Wand wirft, zeigt einen jungen Mann, nur wenige Jahre älter als die Schüler, die das Bild im Musiksaal des Gymnasiums Korntal betrachten. Es ist ein Foto der Staatssicherheit (Stasi) der ehemaligen DDR. Der Untersuchungshäftling schaut trotzig in die Kamera. Der Grund: Er hat es gewagt, eine Eingabe an Margot Honecker, damalige DDR-Volksbildungsministerin, zu richten. Darin protestiert er gegen den Wehrunterricht, der für Schülerinnen und Schüler verpflichtend sein soll. Er studiert Theologie in Greifswald und heißt Matthias Storck. „In Wahrheit hatte ich eine scheiß Angst“, gibt der heute 53-Jährige zu. Nur wenige Wochen nach seinem Brief an die Regierung wird er auf der Straße von drei Stasi-Leuten verhaftet. Wenige Stunden vorher war bereits seine Verlobte eingesperrt worden. Insgesamt 14 Monate sollten die beiden inhaftiert bleiben, verurteilt wegen „landesverräterischer Agententätigkeit“, bevor sie 1980 von der Bundesrepublik freigekauft wurden.

 

„Haben Sie nicht an Gott gezweifelt?“

Die Haftbedingungen sind grausam. Tagelange Verhöre, Schläge der Gefängnisausseher und immer wieder die winzige Arrestzelle, in der Matthias Storck jeweils 21 Tage am Stück verbringen muss und in der er nur abends seine Exkremente aus einem Kübel ins Klo hinter einem verschlossenen Gitter entleeren darf. „Haben Sie in dieser Zeit nicht an Gott gezweifelt“, fragt ihn eine Schülerin. „Doch, ich hatte große Zweifel an Gott“, gibt Matthias Storck unumwunden zu. „Ohne das, was in meinem Herzen geschrieben stand, hätte ich nicht überlebt.“ Damit meint er auswendiggelernte Psalmen, Liederstrophen und Bibeltexte, die er sich von morgens bis abends vorsagte. Neben den unmenschlichen Verhören (Storck: „Die kriegen alles aus dir raus.“) sind es vor allem Verrat und Verräter, die ihn bis heute beschäftigen – auch wenn mit den Jahren seine Meinung zu diesem Thema differenzierter geworden ist.

 

Täter ohne Reue

Einmal wurde er von einem Mithäftling ausgehorcht. Was ihn damals schier verzweifeln ließ, interpretiert er heute als „Verrat aus Schwäche“, der durch Einschüchterung und Erpressung zustande kam. Kein Verständnis hat er dagegen für den Gefängnispfarrer, der vorgab, dass man mit ihm vertraulich reden könne, aber alles der Stasi verriet und dafür sogar mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Der „inoffizielle Mitarbeiter“, der ihn und seine Frau überhaupt erst ins Gefängnis brachte, war einer der engsten Freunde der Storcks und ebenfalls Pfarrer. Er zeigte beim Wiedersehen nach der Wende nicht die geringste Spur von Einsicht oder gar Reue. Er habe das Paar lediglich vor schlimmeren Konsequenzen schützen wollen, ließ er wissen. „Es ist nicht alles gut gelaufen nach der Wende“, beklagt Matthias Storck. So hätten beispielsweise Pfarrer, die Zuträger der Stasi waren, einfach weiterarbeiten können, als ob nichts gewesen wäre. Auch, dass viele Alt-Kader der DDR-Staatspartei SED heute als „Die Linke“ in den Parlamenten sitzen, schmerzt ihn.

 

Sehnsucht nach Freiheit im Herzen

Dass die Berliner Mauer 1989 durchbrochen werden konnte, habe wesentlich die junge Generation geschafft. „Junge Leute fanden sich zusammen, demonstrierten und gingen friedlich und mutig mit brennenden Kerzen auf die Straße, beteten und sangen in Kirchen, obwohl niemand wusste, ob es ein Blutvergießen geben würde“, erzählt Matthias Storck. „Sie hatten gemerkt: Es lohnt sich, in diesem Land für Freiheit zu kämpfen.“ Seine jungen Zuhörer am Gymnasium, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren waren, fordert er auf, diese Freiheit nicht als selbstverständlich zu betrachten, sondern den demokratischen Rechtsstaat zu verteidigen: „Ich wünsche euch, dass ihr die Sehnsucht nach Freiheit von euren Lehrern ins Herz gepflanzt bekommt. Dann erst könnt ihr Abitur machen!“